Interview mit einem Durchschnittsdeutschen

Veröffentlicht: Dezember 31, 2011 in aktuelle Themen
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Meine sehr geehrten Damen bis Herren.

Ich hoffe, dass es Ihnen gut geht und Sie Ihr Leben genießen können.

Wie geht es Ihnen? Was machen Sie und vielleicht Ihre Angehörigen?

Vielen Dank für Ihr Interesse an meiner Arbeit.

Kurz nach dem ich meinen Text „Gedanken zur Zeit“ eingestellt hatte, bekam ich schon die ersten positiven Resonanzen.

Ich versuche mir für Sie Zeit zu nehmen und investiere ein bisschen in Sie, weil ich der Überzeugung bin, dass Texte, ihre Verbreitung und die Diskussion über sie einen gewissen Gehalt haben sollten.

Wenn man mal beobachtet, wie viele Menschen ihr ganzes überflüssiges Zeug ins Netz stellen und per Mobiltelefon quer über den Planeten schicken…

Das spricht doch Bände, oder?

Auf Twitter: „Bin grad shoppen.“ Fünf Minuten später geht’s weiter mit: „Bin grad da und da.“ Wieder fünf Minuten später: „Bin grad auf Klo und hab festen, hellen Stuhl.“

Sagen Sie mal…

Mit solchen Menschen wollen Sie die Welt verändern?

So viel überflüssige Scheiße, ohne Sinn, Gehalt und Wichtigkeit.

Wegen solchen Menschen werden weitere Fukoshimas und Tschernobyls gebaut werden.

Das sind absolute Umweltverschmutzer! Das sind Kriminelle!

Die Umwelt wird immer weiter in die Knie gezwungen und wir haben schon längst den Bezug zur Wirklichkeit verloren.

Ich benutze zwar auch Twitter und Facebook, aber nur, um Sie zu erreichen.

Und da ich mit dem allgemeinen Trend nicht mit schwimmen möchte, werde ich versuchen Ihnen etwas zu geben, was ich bei eben erwähnten Menschen vermisse.

Den Bezug zur Wirklichkeit und zu der wundervollen Erhabenheit des Lebens.

Dafür sitze ich hier an meinem Tisch und opfere gerne etwas Zeit, um mit Ihnen zu überlegen, was wir wirklich ändern können an uns selbst.

Ein Schritt dazu wäre die Steigerung der Allgemeinbildung der Menschen. Das würde schon viel helfen und unsere Kinder würden es uns danken.

Das sollten wir uns und unseren Kindern wert sein. Visionen, Perspektiven, Träume, Zuversicht und der Glaube an den Genuss und die Einzigartigkeit des Lebens.

Und wie gesagt, ich möchte Sie einladen einmal darüber nach zu denken.

Vielen Dank.

Mich erreichten kurz nach meiner Blog-Premiere zwei Mails.

In  der Einen wurde ich von einer netten Dame auf einen Fehler in meiner Anrede an Sie aufmerksam gemacht.

„Sehr geehrte Damen bis Herren.“

Es müsste doch statt „bis“ – „von“ heißen.

Weil gefehlt.

Wie ich es schon auf buergerstimme dot com erlebte, für die ich immer wieder als Gast schreibe, darf ich es auch hier kurz erwähnen.

Ich schreibe „bis“ aus folgendem Grund, damit ich so viele Menschen erreiche und keinen vergesse.

So rede ich die körperlichen und genetischen Endpole, also Frau und Mann und auch alle anderen dazwischen an und hab keinen vergessen.

Ganz einfach. Ich bin ein Fuchs! Ich weiß…

 

Ein paar Tage später traf ich mich dann mit einem Mann, der in meinem Alter war.

Er bat mich um ein Treffen per Mail.

Eine interessante Person um die 40 Jahre. So wie ich.

Etwas Patina hat er zwar schon angesetzt aber trotzdem eine coole Type.

Er lud mich auf einen Drink ein und spendierte mir ein Interview mit Ihm.

Seine Story würde hier ganz gut rein passen, meinte er.

Der Name des Herren ist mir bekannt.

Ich werde meine Quellen diesbezüglich nicht öffentlich Preis geben. Ist schließlich mein Broterwerb und ich bin es meinen Leuten schuldig.

Wir gingen in ein Cafe, orderten die Drinks und er fing an zu erzählen.

„Ich hatte eine durchschnittliche, bürgerliche Kindheit. Nein, es war stellenweise die absolute Hölle.

Doch Kinder lieben bedingungslos. Ich kam bis zu ihrem Tod nicht von ihnen weg.

Viele Wunden in meiner Seele trug ich in all den Jahren mit mir rum.

Früh lernte ich damit umgehen zu müssen, dass ich leider nicht über viele Freunde und ein gesundes Netzwerk verfügte.

Die Schule war mir ein Graus. Ich war immer und immer davon gelangweilt, weil ich immer auf alle anderen warten musste. Das ließ mich zum Klassenclown werden.

Da ich in einer Clique der Jüngste und der Kleinste war, musste ich mich profilieren lernen.

Neben der Schule arbeitete ich schon mit 14 auf dem Bau, später als Türsteher, Kellern und was weiß ich noch.

Während sich andere beim Studium auf der Uni den Hintern platt gesessen hatten, hatte ich drei Berufsausbildungen abgeschlossen.

Da ich nicht auf großartige Empfehlungen und Pfründe hoffen konnte, musste ich mir alles selbst hart erarbeiten.

Im Nachhinein keine schlechte Schule, denn es machte mich zu dem, der ich heute bin. Ich bin in meiner Mitte. Endlich. Dafür bin ich dankbar.

Es war ne geile Zeit. Echt geil.

Habe immer gutes Geld verdient, selbst noch unter dem Euro.

Mir hatte der Wechselkurs und die Abzocke im Nachhinein nicht viel ausgemacht.“

„Also warste gut im Geschäft, ja?“ frage ich Ihn.

„Ja, ganz gut. Ich habe nur versucht, den Ansprüchen meiner Umwelt genüge zu tragen.

Also, für mich selbst sorgen können, Steuern zahlen, konsumieren können. Das volle Programm halt.

Ich habe zwar sehr gute Arbeitszeugnisse und weitreichende Kenntnisse in vielen Bereichen und weiß wovon ich rede, aber als ich früher einmal auf dem Arbeitsamt vorstellig werden musste, galt ich als „Überqualifiziert“ und somit als schwer vermittelbar.

Aus dieser Not machte ich eine Tugend und beharrte nicht auf meiner Unflexibilität, ich ließ mich weiter ausbilden und arbeitete auch in diesen Berufen hart und erfolgreich.

Ich wollte nie wieder auf dieses Amt und schon gar nicht mal auf diese ARGE.

Schrecklich, wie man die Menschen behandelt.

Nun gut. Zwanzig Jahre habe ich Vollgas gegeben. Volles Rohr. Ich wollte nie mehr arbeitslos werden.

Nie mehr.

Naja. Heute weiß ich, dass ich wohl ein Stück weit an meinem Leben vorbei gelebt habe.

Ich wurde krank. Burn-out. Meine innere Flamme war nur noch eine kleine, lichte Glut. Sonst nichts mehr.

Das hat mich nun über sechs Jahre meines Lebens gekostet.

Auch weil mir Ärzte nicht halfen. Ich war ja Kasse und auch Hartz vier. Die hätten mich verrecken lassen, wenn ich nicht immer ein wenig an mich selbst geglaubt hätte.

Weißte, willst arbeiten, bist aber krank und dann noch dieser Hartz Wahnsinn obendrauf.

Alles was ich mal hatte. Weg. Vorsorge, Sparbuch, hohe Kante. Alles weg.

Selbst meine persönlichsten Erinnerungen habe ich auf ebay vertickt, damit ich nicht verhungere.

Also erzähl mir nix von wegen Aufschwung. Der Staat, also wir, wir müssen ja sowas von Pleite sein, dass der Staat drauf angewiesen ist selbst seinen kleinen Bürgern das letzte Hemd auszuziehen.

Meine Steuern. Wo sind die hin? Sozialsystem, Bildung, Infrastruktur, Krankheitsvorsorge und Fürsorge. Wo ist es hin, dass es angeblich keiner mehr hat? Sag mir dass, bitte.

Und komm mir bitte nicht mit Weltverbesserungen. Hat doch alles bisher nicht geklappt.

Ein paar hatten richtig Glück, die Profiteure. Die, meine Situation ausgenutzt haben, weil ich so mit Arbeiten und mit folgsamen Streben beschäftigt war und nicht bemerkt habe, was sie mit mir machen.“

„Naja… . Da bist du kein Einzelfall. Das geht vielen so.“ versuche ich es ein wenig tröstend.

„Und nun? Haste eine Idee, wie man diese Problematiken bearbeiten kann?“ Frage ich ihn.

„Ja. Aber die werde ich nicht öffentlich mit dir diskutieren. Das geht nicht.

Wäre doch schön blöd, wenn ich Dir meine Ideen vorstelle.

Du stellst meine Story ins Netz und dann wissen es alle. Und irgendeiner schnappt das auf und macht dann damit wieder auf die gleiche Weise wie bisher die dicke Kohle ohne Rücksicht auf Verluste. Ne, Du. So nicht. Sorry. Ich mache das ganz anders.

Geh doch mal aufs Amt und sag denen, dass Du dich aus Hartz vier raus selbständig machen willst und dann auch Arbeitsplätze schaffen wirst.

Die belächeln Dich nur. Arbeitsplätze! Die können wir doch in diesem Land nicht mehr gebrauchen. Außer den billigen Jobs oder auf dem Hartgeldstrich beim Zeitarbeitszuhälter.

Heute giltst Du beim Amt schon als „Überqualifiziert“ wenn Du fest daran glaubst, es würde irgendwann mal besser werden.

Weißt du, die Masse bewegt sich nicht. Man kann nur an sie appellieren und  muss es jeden Tag wiederholen.

So, wie die tagtäglich ihre Scheiße in den Medien immer und immer wiederholen.

Ideen haben viele Menschen genug. Allerdings nicht aus dem Heer derer, die so völlig in der Masse unter gegangen sind und sich trotzdem für total hipp und angesagt halten.

Deswegen möchte ich Dich bitten unsere Unterhaltung aufzuschreiben und teile es den Menschen mit. Ich kann das nicht. Ich bin gut in anderen Dingen, ich kenne meine Kompetenzen. Wenn ich so was schreiben sollte, ich würde so viel Murks machen. Davon gibt’s schon genug. Da muss ein Profi ran.

Wir können es in eine bessere Zeit schaffen, wenn wir uns alle daran erinnern, dass wir hier nur zu Gast sind auf dem Planeten und das Leben echt zu kurz ist, um aus so banalen Gründen von seinem eigenen Leben abgehalten zu werden und für eine Gesellschaft aufzukommen, die es zurzeit nicht so gibt, wie wir es uns wünschen und Wert sein sollten.

Wir werden gezwungen, auf völlig sinnlose aggressive Art und Weise ums Leben zu kämpfen und eine Elite zu bedienen, die immer mehr für sich fordert.

So ein Denken setzt ein Mindestmaß an Bildung voraus.

Zahlen, Bitte. Ja! Zusammen.“

Meine sehr geehrten Damen bis Herren.

Ich dachte mir erst, dass diese Geschichte nicht spektakulär genug ist und Sie sie nicht vom Hocker reißt.

Doch. Sie ist spektakulär. So wie alle anderen für sich spektakulär sind.

Den Einen sei damit gesagt, dass Sie sich bitte mal wieder Ihrer Verantwortung bewusst werden.

Schließlich haben sie sich auf Kosten von Steuergeldern ausbilden lassen und setzen nun ihre Kenntnisse dafür ein, um sich selbst in ihrer Gier die Lebensgrundlage zu entziehen. Sie bringen Menschen um ihr Leben!

Dafür haben wir sie nicht gewählt, dafür kaufen wir nicht ihre Waren.

Kein Preis rechtfertigt so etwas.

Und den Anderen sei gesagt, dass sie aufmerksamer und auch etwas kritischer durch die Welt mit offenen Augen gehen.

Da hatte er Recht. Das setzt wirklich den Willen zur Bildung voraus.

In diesem Sinne.

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Kommentare
  1. wolfgang sagt:

    könnte Ich sein.

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