Sehr geehrte Damen bis Herren.

Freitagabend, Wochenende. Tür zu und den Rotwein dekantiert.

Vielleicht waren Sie noch mal schnell bei Schlecker auf ein letztes Schnäppchen oder kommen von einer abenteuerlichen Reise per Flugzeug, Auto, Bahn oder Schiff.

Das habe ich mich immer schon gefragt, wieso es heißt mit einem Schiff auslaufen.

Streng physikalisch gesehen kann ein Schiff nicht auslaufen.

Wenn man es öffnen würde, würde es volllaufen statt aus.

Lässt man es auf Grund laufen, dann auch.

Wo sonst nur afrikanische Flüchtlinge ertrinken….

Aber lassen wir die Haarspaltereien, es ist schließlich Wochenende.

Endlich zu Hause und Tür zu. Endlich Tür zu. Endlich Ruhe.

Ab und zu muss man sich selbst eine Auszeit gönnen und versuchen zu seiner Mitte zurück zu finden.

Dazu gehört sehr viel Training, um ein Stück weit zu sich selbst zu finden und sich mal wieder selbst zusammen zu setzen.

In der Regel ist es so, dass des knapp drei Wochen dauert, bis man langsam anfängt, wieder für sich selbst denken zu können.

Zeit, um Ereignisse endlich zu be- oder verarbeiten.

Ich war vor ein paar Wochen auf der Beerdigung eines Bekannten.

Wir waren zwar nicht so dicke miteinander aber wir liefen uns immer wieder über den Weg und gingen ab und zu Bier trinken.

Er hatte mein Alter.

So wie ich, das ganze Leben lang ein selbst und eigenständiger Mensch.

Dann wurde er krank.

Nach sechs Wochen gab es Krankengeld von der Gesundheitskasse und etwas später die Kündigung der Firma.

Erfolgreich, dann krank, dann joblos.

Hartz vier gab es erst dann, nachdem er sich hat zwingen lassen, seine komplette Existenz aufzugeben.

Erst musste er alles was er hatte aufbrauchen und aufgeben. Jeden Cent. Das Auto, das Haus mit der Einrichtung, für das er sich sein halbes Leben hat krumm gelegt, seine Frau, seine Kinder, seine Familie bis hin zu seiner Altersversorgung.

Der Rest seiner Verwandten verleugnete ihn mittlerweile, weil die Agentur nicht für ihn zahlen wollte und Kohle von der Verwandtschaft für ihn forderte und dass sie alles offen legen müssten.

Keiner wollte ihn mehr kennen.

Er war schon ein gebrochener Mann, als er dann endlich nach weiteren Erniedrigungen von der ARGE seine Stütze bekam.

In seiner Rekonvaleszenz konnte er nicht so produktiv sein.

Und ist man nicht produktiv, dann hat man auch kein Recht mehr in diesem Land, einen menschenwürdigen Umgang mit seiner Person zu erfahren.

Den einzigen Zufluchtsort, den er hatte war seine kleine Mietswohnung. Dort war er zu Hause. Er fühlte sich geborgen und war ein aktives Mitglied unserer Gemeinschaft.

Die Wohnung nahmen sie ihm dann auch noch und zwangen ihn in eine schäbige Vorortsiedlung zu ziehen, in der man nach Sonnenuntergang nicht mehr unbewaffnet auf die Straße sollte.

Es sei, man ist mittlerweile sowieso suizidal veranlagt.

Verzeihen Sie mir bitte den Ausdruck!

Scheiße noch mal! Keiner von uns hat was gemerkt. Keiner!

Bis zu seinem Selbstmord hat er sich nichts anmerken lassen, was das alles mit ihm angestellt hatte.

Nichts.

Es war ein kalter Novembertag, als wir ihn zu Grabe trugen.

Ein scheißkalter Tag, der versprach auch nicht besser werden zu wollen.

Und so geschah folgender Eklat.

Der Pfarrer hatte das Ende seiner Predigt noch nicht ganz ausgesprochen und war an der Stelle:

„… und wünschen wir dir die ewige Ruhe…“

angelangt, da wäre ich dem Kuttenmann gerne selbst an die Gurgel gesprungen.

Das ist ja wohl eine bodenlose Unverschämtheit, oder? Die ewige Ruhe!

Nach unserem letzen Atemzug sind wir entmaterialisiert. Wir werden atomar.

Und Atomen die ewige Ruhe zu wünschen heißt Stillstand, Starre, Regungslosigkeit.

Da wünscht einer einem für dessen Zukunft auf der anderen Seite des Lebenskreislaufes die Bewegungslosigkeit.

Grade unser toter Freund hatte in den letzten Jahren genug Regungslosigkeit durch Restriktionen erfahren dürfen.

Als man ihm alles nahm, hat man ihn schon umgebracht.

Leicht ist es ihm bestimmt nicht gefallen aber erlösend.

Als ob wir nicht alle zu Lebzeiten schon mit Starre und Bewegungslosigkeit zu kämpfen hätten.

Wir haben doch schon genug Stagnation im Leben an sich.

Es ist nur sehr wenigen Menschen vergönnt, sich frei er als Andere zu entfalten.

Will sagen, dass sie ihr Leben einfach leben können. Das macht man allerdings immer nur vom Geld abhängig.

Nur wer es sich wirklich leisten kann, der kann sich wohl auch alles erlauben.

Ein Großteil der arbeiteten Menschen sind irgendwann in Berufen gelandet, für die sie gar nicht geschaffen sind, die sie nie so wollten. Das schafft Missmut.

Viele Menschen leben an ihrem Leben einfach vorbei ohne jemals erfahren zu haben, was ihre Person und Persönlichkeit wirklich ausmacht.  Kurz: Wer sie wirklich sind.

Sie finden sich irgendwann in Jobs wieder, die sie zwar ausfüllen aber die sie nicht mit ganzem Herzen lieben.

Und was man nicht mit voller Überzeugung macht, das nimmt auch kein gutes Ende.

Das wurde mir nun klar, denn durch den Tod des Bekannten traten die Auswirkungen der weltweiten Krise direkt auch in mein Leben.

Ein weiteres Opfer unter den zahllosen Menschen.

Wieder eine weniger, der wie wir alle sein ganzes Leben einem System nachgehechelt ist, ohne jemals im Leben Gefühle wie Sorglosigkeit und Freiheit richtig spüren zu können.

Was muss das wohl für ein Gefühl sein, wenn man seine eigene kreative Schaffenskraft in das Leben einbringen kann. Jeder auf seine Art und Weise. Das würde viel mehr Jobs und Perspektiven schaffen, als

unser jetziges System, das nur noch komatös vor sich hin röchelt.

Wieso eigentlich tut man sich sowas an? Das Leben ist für so einen Mist wirklich zu kurz.

Im Gegensatz zu meinem Rotwein werde ich es hoffentlich noch einige Zeit tun.

Atmen.

In diesem Sinne. Bleiben Sie mir gewogen.

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