Archiv für August, 2012

Meine sehr geehrten Damen bis Herren.

Wenn einer eine Reise tut, dann hat er etwas zu erzählen.

So war es immer und so wird es auch immer sein.

Wer unterwegs ist, der kann berichten.

Nun ist meine Heimatstadt nicht so groß, dass man nicht auch einmal zu Fuß gehen kann, um von einem Ort an den Nächsten zu kommen.

Außerdem ist ein Spaziergang an einem tollen Sommertag auch sehr gut für die eigene Gesundheit.

Frische Luft, Sonne, Wärme und ein blauer Himmel.

Ich hatte richtig Bock auf den Tag und erinnerte mich daran, wie ich als jüngerer Mensch in den 80ern oft zu Fuß unterwegs gewesen bin.

Wie oft ist es damals passiert, dass mich ein Punk ansprach:

„Ey Alter, haste mal ne Mark?“ (Mark: das war damals die Bezeichnung für Geld, als wir noch Geld hatten)

Wie oft konnte man es beobachten, dass Passanten auf das Betteln mit:

„Geh arbeiten, Du Schmarotzer! Dann kannste Dir auch was kaufen.“

reagierten und echauffiert weiter gingen.

Passiert ja heute noch, dass man angebettelt wird.

Punks, Obdachlose und rumänische Bettelbanden.

Leute eben, mit denen man nichts zu tun haben will.

„Geh arbeiten, du faule Sau!“ hört man oft Angebettelte durch die Zähne zischen.  

Auf meinem gestrigen Weg konnte ich schon aus einiger Entfernung eine alte Dame sehen, die etwas vom Boden aufhob und in ihre Plastiktüte steckte.

Sie war sauber und adrett angezogen. So, wie man sich auch seine eigene Oma vorstellt.

Als ich sie erreicht hatte, sprach sie mich an.

„Entschuldigung, mein Herr. Können sie mir vielleicht etwas Geld geben?“ fragte sie nett und klar.

Was hätte ich ihr antworten sollen? Etwa etwas unter dem Motto:

„Stirb endlich, Du Schmarotzerin. Du bist doch zu nichts mehr Nütze, du alte Kuh.“

Ich war noch nicht bei der Bank und hab selbst immer wenig Geld einstecken.

So dicke habe ich es dank unserer allgemeinen Wirtschaftslage auch nicht mehr.

Leider konnte ich ihr nichts geben.

Ich war so was von erschrocken, das grade so eine nette Dame, sich nach einem langen Leben soweit erniedrigen muss und betteln.

Es tat mir einfach nur leid und ich stellte mir meine eigene Zukunft in diesem Land vor.

Noch habe ich einen Job. Noch verdiene ich etwas Geld.

Wer weiß, wie lange noch und wer weiß, was wird, wenn es den Euro und dieses System bald nicht mehr geben wird.

Die alte Dame ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Wie hätte ich ihr helfen sollen.

Ich war mit dieser Situation völlig überfordert und sagte ihr, dass ich leider kein Geld einstecken habe.

„Ach, sind sie auch arm?“ fragte sich mich und wünschte mir noch einen schönen Tag.

Ja! Auch ich bin arm, da ich noch nicht einmal mehr ein paar Cent über habe, um einem Menschen in Not zu helfen. So weit ist es mittlerweile.

Kaum hatte ich nach ein paar Kilometern den Stadtpark erreicht, sprach mich ein Mann so um Ende 50 an.

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie anspreche. Können Sie mir mit ein, zwei Euro aushelfen?

Ich bin kein Alkoholiker! Meine Rente reicht leider nicht aus. Ich möchte mir nur mal etwas zu Essen kaufen. Ich habe Hunger.“

Was hätte ich ihm antworten sollen? Etwa etwas unter dem Motto:

„Stirb endlich, Du alter Sack. Du bist doch zu nichts mehr Nütze. Du produzierst doch nix außer Kosten!“

Man kann seine Augen davor nicht mehr verschließen, denn immer mehr Menschen geht es so.

„Geh arbeiten, Du Schmarotzer!“ Die Neuauflage des Slogans: „Arbeit macht frei.“

Wer nicht arbeitet hat auch kein Recht auf Essen.

Sarrazineske Wirrthesen von Alltagsfaschisten, die sich durch die ganze Gesellschaft ziehen.

Alltagsfaschisten, egal ob sie aus dem rechten oder linken Lager kommen.

Alltagsfaschisten, die nicht auf der Bezugsliste des Verfassungsschutzes stehen und ihre ethikfernen Ideologien verbreiten. Dienstbare kostenlose Geister, die man nicht an Glatze und Springerstiefel erkennt.

Kleingeister, die so aussehen, wie Sie und ich. Arschlöcher eben.

Sollte man mal drüber nachdenken, ob man bei der nächsten Anti-Nazidemo mit Volksfestcharakter nicht auch gleich gegen die protestiert, die man nicht auf Anhieb als Alltagsfaschist erkennt.

In diesem Sinne.

Bleiben Sie uns gewogen.

Ihr Ruben Kick.