Meine sehr geehrten Damen bis Herren an den Empfängnisgeräten.

Nachdem sich die Schauspielkollegin und Kabarettistin Cordula Stratmann in den Mainstreammedien kritisch und zu Recht zu den Castingformaten a la Heidi Klums Supermodel geäußert hat, will ich dem in keinster Weise nachstehen.

Ich frage mich schon lange, wieso man gut ausgebildete Schauspieler bis Schauspielerinnen immer weiter aus ihren Jobs drängt, sie regelrecht für das schnelle Geld mit Dummen opfert und das kulturell schaffende Kollegium und seine Lebensplanungen völlig überflüssig werden lässt. Dafür zerrt man immer mehr einfache Leute von der Straße ohne Sinn und Zweck und nur für die Quote vor die Kamera und verseucht die Medien und Kulturlandschaft mit geistigem Dünnschiss. Ich hoffe, dass es Ihnen gut geht und Sie Ihrer Lebensplanung wieder etwas mehr an gezielter Perspektive geben können. Wenn nicht, dann kann man sich immer noch bei einem der unzähligen Castings, wie „Deutschland sucht den Superstar (DSDS)“, das „Supertalent“ oder bei ähnlichen Formaten bewerben. Dort wartet man nur auf Schicksalsschläge und musikalische Apnoetaucher ohne irgendein Talent. Für diese Klientel habe ich mal folgende Ansage:

Liebe Kinder und Jugendliche, sehr geehrte Selbstdarsteller und Zielgruppenbespieler! Wenn ihr meint, dass eure Eltern oder die Gesellschaft euch nicht verstehen und euch zu wenig Aufmerksamkeit schenken…

Glaubt mir liebe Heranwachsende, dass liegt an euren Hormonen und ist irgendwann vorbei.

Meine Damen bis Herren mit Hang zum niedrigen Selbstwertgefühl.

Wenn Sie meinen, dass Ihnen keiner zuhört und Sie möchten sich wenigstens einmal in Ihrem Leben Menschen mitteilen, dann nix wie auf zum Niveaulimbo und ab zu Superstarcasting oder zu einer der unzähligen Billigproduktionen. Stellen Sie sich zur Schau und präsentieren Sie sich einmal mit all Ihrer aus der Selbstüberschätzung resultierenden Kraft vor einem Millionenpublikum. Unter denen hat jeder für Sie Verständnis, die sind alle genauso wie Sie. Schnell ein lustiges Liedlein auswendig lernen, vor dem Badezimmerspiegel die richtigen Moves einstudieren und nichts steht Ihnen mehr im Wege, um anderen Menschen mal mit Ihrer Talentfreiheit so richtig auf den Sack zu gehen. Grade Sie haben das Zeug zum Superstar!

Castingshows. Gefährliches Spiel mit der Würde der Menschen.

Castingshows. Gefährliches Spiel mit der Würde der Menschen.

Superstars….

oralphonetische Finalrettungsschüsse, die man nach einem halben Jahr – Gott sei Dank- wieder vergessen hat. Gut, die eine oder andere Stilblüte will ja dabei sein. Doch Kunst kommt immer noch von Können. Es gibt schon genügend hohle Hupen, die sich grenzüberschreitend im Kunst-, Kultur- und Unterhaltungssektor breitmachen. Von anderen Berufssparten mal ganz abgesehen. Künstler, die ihren Job von der Pike auf gelernt haben, handeln allerdings mit einem Bildungsauftrag. Wir haben unseren Beruf gelernt! Mit Ausbildung und Studium! Achja, dank Pisa-Studie und Dummgedaddele vorm Egoshooter braucht’s ja keine Bildung mehr, wenn man sich seinen Sonderschulabschluss auf ebay ersteigern kann oder sich vielleicht sogar das Abi zusammengegoogled hat.

1914 waren viele junge Menschen, damals vor allem Männer, hochmotiviert zum Barras gepilgert, um sich dann fürs Vaterland erschießen zu lassen. Denn jeder wollte nach der Monarchie endlich ein Held, ein Star sein. Wie mögen die damals in den Schützengräben an den Fronten geschrien haben: „Ich bin ein Star, holt mich hier raus…!“ Heute will jeder Depp zu „Deutschland sucht den Superspasst“ um dann, nach der jahrelangen Vergessenheitsperiode und atonalen Hitnullingern, Drogen und Alkoholexzessen und Gesprächstherapien, nach Hartz zwölf Periode fünf, ein Anrecht drauf zu haben, sich beim „Dschungelcamp KZ“ von dem Rest der Schlangesteher, B und C Sternchen a la Daniela Katzenkloberger, Gina Lisa Granulohfink oder Loddar Mathäus seine Ex, den H&M-uniformen Möchtegernsangesdiven ohne Brustansatz noch mal gesehen zu werden und sich ein paar Cent für die Frührente oder Sozialhilfe dazuzuverdienen. Es hat sich außer ein paar sozialpolitischen Parametern nichts zu 14-18 verändert. Heute liegen solche Menschen im gesangstechnischen Schützengraben einem Ausschuss von zielgruppenmusterungsorientierten Chefcastern gegenüber und lassen sich garbenweise zum Kanonenfutter auf den Bohlenbrettern, die die Welt bedeuten, zum hirnlosen Medientroll verarbeiten und mit Knebelverträgen ausbeuten. Dieses Verdun der Hitcontests, die letzte Hoffnungsschmiede auch ohne Hirn, Ausbildung, Talent, Durchhaltevermögen und die Eier für das Buiz, noch einen Job in diesem Billigramschland zu bekommen, das sowieso zum Ausverkauf steht. „Alles muss raus“ – Hurra, der Almauftrieb zum notierten Circus Maximus ist wieder eröffnet.

Es ist wieder soweit. Bald ist er/sie/es gekürt.

Der menowinsche, kübelböcksche Lorenzomutant, der mal einen Traum im Leben hatte. Und er war grad so kurz davor sein Ziel, seine Bestimmung, in seiner eigenen Lebensgeschichte zu erreichen, da war er wieder im Knast oder sonst wo. Ob nun Minnesängeräffchen fürs Pressluftschuppendurchschnittspublikum, schon morgen vergessenes Onehit Wonder oder einfach nur Gurkenlastererwischer.

Bleiben Sie außerhalb Ihres Freundeskreises lieber gänzlich unbekannt bevor Sie niemand mehr sehen will und das ganze Land über sowas wie Sie schallend lacht. Bei so vielen Deppen im Fernsehen muss man wirklich daran glauben, dass wir in Deutschland einen Fachkräftemangel haben, denn über so was wie Sie wurde in den 80er nur Sonntags Nachmittag bei Aktion Sorgenkind, live aus der Behindertenwerkstatt berichtet.

Wie soll uns das Ausland glauben, dass wir eine führende Wirtschaftnation sind, wenn da nur Spinner und Persönlichkeitsgestörte durch die Flimmerkiste turnen und auf „Alles ist ja so toll“ tun? Es wird langsam wieder Zeit für A-Stars, für echte Diven, für echte Dramen im Showbuiz, sowie Formate mit Anspruch und Inhalt. Aber Inhalte scheinen völlig egal zu sein, denn nur eines ist wichtig! Die Botschaft, die Ihnen in den Werbepausen ins Hirn gehämmert wird. „Kauf mich! Spiel mit mir! Friss mich! Trink mich! Und erstick endlich an mir!“ Sonst zählt nichts mehr außer Ihrer Konsumsucht nach wenigstens irgendeinem fadenscheinigen Sinn in Ihrem Leben, den Ihnen auch noch ein Anderer diktiert. Wenn Sie sich wirklich jemandem mitteilen wollen, da gibt’s auch in Ihrer Stadt Hilfe. Beratungsstellen, Krankenkassen, Therapeuten, Geistliche und Kliniken. Da können Sie geholfen werden!

In diesem Sinne.

Bleiben Sie mir gewogen.

Udo Schüller

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